Eine Ode an das Fahrtenkaudawelsch

„Einfach losreden – notfalls mit Händen und Füßen – die Leute werden uns schon verstehen.“ Zu Beginn unserer Fahrt hatte ich mir in den Kopf gesetzt, zumindest genug Rumänisch zu lernen, um alltägliche Fahrtengespräche radebrechen[1] zu können. Ein befreundeter Rumäne hatte mir erzählt, dass dreiviertel der Worte im Rumänischen sich ähnlich wie italienische oder französische Wörter anhören. Da dachte ich mir, den Versuch ist es wohl wert!

Ja, nein, rechts, links geradeaus, wo ist der Busbahnhof? Das waren dann alle Worte, die notwendig waren, um mein erstes Gespräch komplett auf Rumänisch zu führen:

„Bună ziua, unde este autogara?“ Guten Tag, wo ist der Busbahnhof?

„Drept înainte spre Lidl și acolo dreapta.“ Geradeaus bis zum Lidl und dann rechts.

„Drept înainte. Lidl. Dreapta???“ Geradeaus. Lidl. Rechts???

„Da.“ Ja.

„Mulțumesc, la revedere.“ Danke, auf Wiedersehen.

Ich war stolz wie lange nicht, als ich mit der erhofften Information zurück zur Fahrtengruppe kam und von da an auch nicht mehr zu halten. Immer wenn sich die Gelegenheit bot, habe ich mir vor einem Gespräch mit dem Fahrtenkaudawelsch die passenden Vokabeln zurechtgelegt und munter auf Rumänisch losgeschwatzt. Wegbeschreibungen, Busfahrkarten, Schlafplatzsuche, Wasserauffüllen oder die Frage, wer wir denn eigentlich sind und was wir in Rumänien machen, die Möglichkeiten ins Gespräch zu kommen waren grenzenlos.

Je sorgloser wir dabei wurden, desto häufiger kam es dann auch vor, dass unsere Gesprächspartner uns nicht nur unsere Fragen beantworteten, sondern uns auch gleich in ein Gespräch auf Rumänisch verwickeln wollten – anfangs mit wenig Erfolg, wie man sich vorstellen kann. „Nu v-am înțeles“. Ich habe Sie nicht verstanden. „Vorbesc un pic română.“ Ich spreche nur wenig Rumänisch. Das hielt allerdings die Wenigsten davon ab, weiter auf uns einzureden und so wurden wir mit der Zeit immer besser darin, die komplexesten Gespräche mit Fahrtenkaudawelsch und Wörterbuch zu bestreiten.

Aber die Mühe hat sich gelohnt. In Rumänien wurden wir so herzlich aufgenommen, wie bisher noch in keinem anderen Land. Nicht selten mündeten unsere Gespräche in einer Einladung zu Kaffee und Pflaumen, abends Țuică (traditionell selbstgebrannter rumänischer Pflaumenschnapps) und kleinen, rustikalen Delikatessen oder gleich einem ganzen Abendessen. Bei einer dieser Gelegenheiten hat unser gut 60 Jahre alter Gastgeber dann auch direkt den Spieß umgedreht. „Dicționar?“ Wörterbuch? Und schon hatte er uns ein Fahrtenkaudawelsch geklaut und fing an, fleißig mit uns Deutsch zu lernen.

Natürlich waren unsere ersten Versuche voller Fehler und vermutlich stecken auch in diesem Artikel noch einige, aber ich spreche ja auch nicht wirklich Rumänisch. Das haben die Rumänen auch gemerkt und sich umso mehr gefreut, dass wir es trotzdem versucht haben. Manchmal kamen wir uns dabei vor wie kleine Kinder, wenn ältere Damen uns Sätze zum dritten Mal langsam vorsprachen und nicht locker ließen, bis wir sie richtig nachgesprochen hatten. Einfacher fiel uns da doch das Lernen auf der Straße. Egal, ob uns Kinder aufforderten, den Ball an sie abzuspielen „Dă-mi!“ Gib ihn mir! oder sich die Grüße auf der Straße von morgens „bună dimineața“ über mittags „bună ziua“ zu abends „bună seara“ entwickelten. Je selbstverständlicher wir den Leuten nachgeplappert haben, desto einfacher fiel es uns, die Sprache zu lernen.

Also traut euch! Egal, wie viele Fehler wir am Anfang gemmacht haben und wie albern wir uns dabei vorkamen, es hat sich gelohnt. – Ich glaube, auf der nächsten Fahrt lerne ich Polnisch, Griechisch oder mal sehen, wo es uns so hinverschlägt.

 


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[1] radebrechen: Eine Sprache nur gebrochen, fehler- oder lückenhaft sprechen (Wiktionary)

Titelbild: An einem Abend von zwei Familien eingeladen… Abendessen unserer halben Fartengruppe in Bănia – Vielen Dank für die überragende Gastfreundschaft, Foto von Simon Both (Stamm Greif Wetzlar)

 

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